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Das richtige agile Mindset für Ihr Unternehmen

Lesezeit: 4 min

Das richtige agile Mindset für Ihr Unternehmen:

Nicht nur der Begriff Agilität ist in diesen Tagen ein gern verwendetes Buzzword. Auch das Wort „Mindset“ fällt immer häufiger in deutschen Unternehmen. Manche sagen sogar, dass ein agiles Mindset der wichtigste Baustein und Erfolgsfaktor für agile Teams und Organisationen ist. Aber was ist konkret mit einem agilen Mindset gemeint und was bedeutet es wirklich, eine solche Haltung zu besitzen? Und wie finden Sie zum richtigen agilen Mindset für Ihre Organisation?

Was ist ein agiles Mindset?

Werte für ein agiles Mindset

Ein agiles Mindset ist eine Haltung, die eine moderne, agile Arbeitswelt unterstützt und fördert – basierend auf agilen Werten. Im Jahr 2001 schrieb eine Gruppe erfahrener amerikanischer Softwareentwickler in ihrem agilen Manifest vier agile Werte nieder: 

1. Individuen und Interaktionen haben Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen.

2. Funktionsfähige Produkte haben Vorrang vor umfassender Dokumentation.

3. Zusammenarbeit mit den Kunden hat Vorrang vor Vertragsverhandlungen.

4. Das Eingehen auf Änderungen hat Vorrang vor strikter Planverfolgung.

Diese vier Werte gelten auch heute noch als Basis der agilen Softwareentwicklung, wenngleich es sich nicht wirklich um „Werte“ im eigentlichen Sinne handelt. Vielmehr sind es Richtlinien, die eine klare Priorisierung vorgeben.

Retrospektive
Einblick in eine Retrospektive: Die Teilnehmer geben Feedback dazu, was gut und nicht so gut gelaufen ist und überlegen, wie sie die negativen Aspekte verbessern können. Dabei „leben“ die Teilnehmer agile Werte wie Respekt, Mut, Offenheit und Kommunikation.

Inzwischen denkt man bei den Werten, die ein agiles Mindset ausmachen, aber tatsächlich stärker an Wesenszüge, Tugenden und Ideale. Dazu zählen:

  • Commitment: Das gemeinsame Arbeiten an einem Ziel erfordert Verbindlichkeit und Engagement. Nur wenn alle verlässlich zusammenarbeiten, funktioniert die Kollaboration.
     
  • Einfachheit: Prozesse und Produkte setzt man so simpel wie möglich und komplex wie nötig auf. Eine gewisse Einfachheit hat den Vorteil, dass Klarheit herrscht, was gerade in einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt notwendig ist.
     
  • Feedback: Zielgerichtete Rückmeldungen helfen bei der stetigen Optimierung.Jeder kann, darf und sollte Feedback geben und empfangen, was man im agilen Kontext im Rahmen der Retrospektive sogar besonders zelebriert. . Ein offener Umgang mit Fehlern und wertschätzende Kommunikation tragen zu einer gesunden Feedbackkultur bei.
     
  • Fokus: Multitasking hat seine Grenzen. Das beste Ergebnis erreicht man, indem man fokussiert eine Aufgabe nach der anderen bearbeitet. Ablenkungen jeglicher Art können (negative) Folgen haben.
     
  • Kommunikation: Verständigung über wichtige Anliegen, Fehler, Fragestellungen, Ideen oder einfach nur den aktuellen Stand der Arbeiten an einem Produkt ist essenziell. Wer nicht miteinander redet, kommt nicht weiter.
     
  • Mut: Es braucht Mut, um Innovationen voranzutreiben, neue Ideen zu präsentieren und Entscheidungen im Sinne des Projektes, Produktes oder der Organisation zu treffen.
     
  • Offenheit: Jeder ist aufrichtig, aufgeschlossen und bereit, sich mit Fragestellungen, Anliegen und Problemen anderer zu beschäftigen.
     
  • Respekt: Alle sind gleichgestellt und arbeiten gemeinsam – vereint durch eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Ziel. Jeder erkennt die Expertise des nächsten an, hat Achtung vor anderen und verhält sich dementsprechend.

Dieses agile Wertesystem ist gleichermaßen Basis wie Nährboden für agile Prinzipien, agile Methoden und agiles Handeln jeglicher Art. Agiles Arbeiten, zum Beispiel agiles Projektmanagement oder agile Zielvereinbarung nach Objectives and Key Results (OKR), trifft nur dann auf Offenheit, wenn das Mindset aller Beteiligten auf Agilität ausgerichtet ist.

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Albert Einstein

Wie zeigt sich ein agiles Mindset?

Werte für agiles Mindset

Mitarbeiter mit einem agilen Mindset analysieren Probleme auf eine ganz bestimmte Art und Weise und suchen Lösungen, die genauso speziell sind. Sie achten auf die Werte des Kunden (Was ist ihm oder ihr besonders wichtig?), arbeiten in kleinen Teams (Nähe schafft Gemeinschaftsgefühl) und operieren stets im Netzwerk (Transparenz und Vernetzung haben hohe Priorität). Ihre Art zu denken, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und danach zu handeln, wird durch mehrjährige Praxiserfahrung   gestützt. Ein agiles Mindset kann man also nicht über Nacht entwickeln oder in einem zweitägigen Workshop lernen.

Ein agiles Mindset ist eher kein Attribut strenger Theoretiker, sondern handlungsorientierter, pragmatischer Menschen. Es geht über reine Prinzipien, Richtlinien und Glaubenssätze hinaus und dient als Basis für jegliches Handeln. Es entsteht aus der Art von Wissen, die nur Erfahrung mit sich bringt: dem Ausprobieren, dem Scheitern – und vor allem dem Versuch, mit der Schnelllebigkeit und Komplexität der heutigen Welt umzugehen.

Das Mindset hinterfragt Glaubenssätze, die historisch gewachsen sind. Es stellt manche Aspekte, Werte und Prinzipien über andere. Es will wachsen und sich weiterentwickeln. Mit der Zeit sorgt das agile Mindset dafür, dass Agilität mit Personen verbunden wird, die bestimmte Charakterzüge in sich vereinen. Das sind die Mitarbeiter, die als agile Influencer in Ihrem Unternehmen mit positivem Beispiel vorangehen und sich für (mehr) Agilität einsetzen sollten. Man könnte das, wofür der Begriff „Mindset“ steht, auch Framework oder Modell nennen. Da es sich bei dem Begriff „Mindset“ aber letztlich um ein bestimmtes Denkmuster handelt, ist das die treffendste Wortwahl.

„Jede Veränderung beginnt in uns.“

Dalai Lama

Wie können Sie ein agiles Mindset entwickeln oder ausbauen?

Zwei Menschen arbeiten zusammen
Pair Programming ist nur eines von vielen Beispielen für agile Methoden, die auf das Zusammenspiel und enge Zusammenarbeit von zwei (oder mehr) Personen setzen.

1. Identifizieren Sie Möglichkeiten und Freiräume für agiles Arbeiten mit anderen Menschen und nutzen Sie diese auch wirklich konsequent. Informieren Sie sich dafür zunächst über agile Methoden und einfache agile Kniffe, die Sie in den Alltag übernehmen können. Hier könnten Sie zum Beispiel auf Kanban-Boards zur Organisation von Aufgaben, einen Lean Coffee als Format zum allgemeinen Austausch unter Mitarbeitern oder Retrospektiven zur Reflektion der Zusammenarbeit setzen. Gehen Sie in jedem Fall mit positivem Beispiel voran und werden Sie Treiber und Innovator für agiles Handeln.

2. Seien Sie aufmerksam und beobachten Sie, woran es in Ihrem direkten Arbeitsumfeld mangelt oder scheitert. Gehen Sie Hürden und Herausforderungen auf den Grund. Zeigen und beweisen Sie Neugier und Offenheit für agile Methoden, indem Sie neuen Ideen Raum geben und lassen Sie Althergebrachtes los, wenn es behindert.

3. Beschäftigen Sie sich (noch) stärker mit Methoden deskritischen Denkens. Es ist vor allem wichtig, Konsequenzen von Handlungen mitzudenken und Vor- und Nachteile mit Bedacht abzuwägen. Seien Sie kein Bedenkenträger, der agiles Arbeiten ausbremst, sondern schauen Sie sich erstmal an, welche Auswirkungen es mit sich bringt.

4. Schaffen Sie Transparenz: Sie können dies tun, indem Sie Informationen breiter streuen oder zum Beispiel offener mit eigenen Fehlern umgehen. Als Ergebnis schaffen Sie eine respektvolle Kommunikationskultur, die auf Transparenz setzt. Zusätzlich stärken Sie das Wir-Gefühl in einzelnen Teams oder im gesamten Unternehmen.

Agilität im Team

Was ist mit einem Team im agilen Sinn gemeint? Ein beliebtes Missverständnis ist etwa, dass jede Gruppe gleichzeitig auch ein Team ist – dem widerspricht die Definition eines agilen Teams deutlich:

  • Ein Team ist eine kleine Anzahl von Menschen, die demselben Projekt oder Vorhaben zugewandt sind.
  • Ein agiles Team besteht idealerweise aus 3-10 Personen.
  • (Fast) alle Teammitglieder arbeiten Vollzeit an dem Projekt oder Vorhaben. Nur eine kleine Anzahl an Mitgliedern darf auch andere Aufgaben oder Verantwortlichkeiten haben.
  • Ein Team ist immer gemeinsam verantwortlich: Egal, ob es gut oder schlecht läuft, das Ergebnis der Zusammenarbeit schreibt man dem gesamten Team zu – nicht nur einer Person.
  • Ein Team vereint alle Kompetenzen, die das erfolgreiche Umsetzen des Projektes erfordert. Dazu zählt beispielsweise Expertise aus den Bereichen Programmierung, UX-Design oder Redaktion.
  • Rollen und Verantwortlichkeiten sind nicht so wichtig wie das Resultat. Auch ein Entwickler darf die Performance analysieren.

Agilität im Teamkontext ist so beliebt, weil sie die Effizienz und Zufriedenheit im Team fördert. Doch wie kommt man dahin?

Das agile Mindset im Teamkontext

Arbeiten im Team

Um erfolgreich im Team agil zu denken und zu handeln, führen Sie sich die folgenden Aspekte immer mal wieder vor Augen und beachten Sie diese Tipps:

  • Das Team muss Offenheit für Kollaboration propagieren und diese tagtäglich leben. Ohne den Willen und die Bereitschaft, eng mit anderen Personen zusammenzuarbeiten, erstickt man agiles Arbeiten im Keim. Frei nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ hilft es, Formate zu schaffen, in denen ein gut funktionierendes agiles Team als eine Art Keimzelle mit gutem Beispiel vorangeht und von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen berichtet.
     
  • Das agile Team liefert regelmäßig nützlichen Output. Was zunächst banal klingt, wird in manchen Fällen nicht beherzigt oder schnell vergessen. In agilen Projekten ist es essenziell, dass das Produkt so früh wie möglich echten Nutzen liefert – statt erst am Ende des Projektes fertiggestellt zu sein.

„Without data, you’re just another person with an opinion.“

W. Edwards Deming
Schriftzug Leidenschaft
  • Stellen Sie sicher, dass es definierte Meilensteine und konkrete Projektpläne gibt – nicht nur im klassischen Kontext ist dies wichtig, sondern auch im agilen Projektmanagement. Die Timings müssen mit allen beteiligten Teammitgliedern sowie Stakeholdern abgestimmt und kommuniziert worden sein. Achten Sie darauf, dass die Meilensteine und Pläne nicht auf Einzeleinschätzungen oder -meinungen basieren, sondern auf Daten, die wirklich die beste Lösung für das Projekt und Produkt darstellen.
     
  • Verlieren Sie nicht Ihren Fokus, wenn Sie Ideen entwickeln, Versuche starten und agile Keimzellen bilden: Achten Sie stets darauf, dass Sie im Einklang mit Stakeholdern, Kunden und Märkten bleiben. Sie müssen schnell auf sich ändernde Voraussetzungen reagieren können. Und das gelingt nur, wenn Sie den relevanten Personenkreis immer im Hinterkopf hat.

 

Menschen mit agilem Mindset passen sich neuen Herausforderungen in kürzester Zeit an und verstehen es dadurch auch, Chancen schnell zu nutzen. Sicherlich ist es nicht in allen Organisationen einfach, ein agiles Mindsetzu etablieren. Dennoch es ist eine Anstrengung, die sich lohnt – nicht nur im Hinblick auf eine gesteigerte Flexibilität, Produktivität oder Kundenzentrierung, sondern vor allem, um Innovationen zu fördern.

Sarah Breidenbach

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Sarah Breidenbach
Projektmanagerin der IW Medien

Agilität ist Haltung und Erleben. Ein bisschen wie Yoga, nur besser.

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